Leserbrief an Heilbronner Stimme und Mannheimer Morgen:
Die Aussagen im Artikel von Peter Reinhardt in der Heilbronner Stimme vom 16.6.10 „Protest geht in Gewalt über“ / Mannheimer Morgen können so nicht stehen bleiben. Es ist bedauerlich, dass eine ansonsten seriöse Tageszeitung auf die von BILD initiierte Hetzkampagne einsteigt und versucht, mit Andeutungen und Halbwahrheiten Stimmung gegen friedliebende BürgerInnen zu machen, die sich auf demokratische Weise gegen den Größenwahn einiger weniger Politiker und Konzernbosse zur Wehr setzen. Oder wird Herr Reinhardt inzwischen auch schon vom Büro Drexler für seine einseitigen Berichte pro Stuttgart 21 bezahlt?
Seit über 30 Wochen demonstrieren Tausende BürgerInnen jeden Montag gegen den Milliarden-Irrsinn Stuttgart 21, und sie werden dies auch weiterhin friedlich und gewaltfrei tun.
Es wäre schön, wenn Ihre Zeitung statt großflächig Hetze zu betreiben in ebenso großem Umfang ihre LeserInnen über all die ungeklärten Fragen beim Milliardengrab Stuttgart 21 und die Lügen-Kampagnen der Profiteure aufklären würde:
– Das Projekt ist mit 4,1 Milliarden Euro alleine für den Tunnelbahnhof schön gerechnet, das kann jeder sehen, der sich mit den Fakten auseinandersetzt
– Bund und Land werden in absehbarer Zeit nicht die nötigen finanziellen Mittel aufbringen können, um den Tunnelbahnhof und zusätzlich die Neubaustrecke nach Ulm zeitnah fertigzustellen
– Wegen Stuttgart 21 fehlt bundesweit das Geld für den Ausbau sinnvollerer Bahnprojekte, auch und gerade im Raum Heilbronn oder für die viel dringendere Neubaustrecke Frankfurt/Main-Mannheim
– Der Tunnelbahnhof mit nur acht Gleisen wird zu einem Engpass im deutschen Schienennetz
– Die Anschlussverbindungen von Heilbronn aus werden sich mit Stuttgart 21 verschlechtern
– Die Neubaustrecke nach Ulm ist in der jetzigen Planung sinnlos und unwirtschaftlich, deren Finanzierung ist nicht gesichert
– Die Neubaustrecke hat größere Steigungen als heute die Geislinger Steige und ist für den Güterverkehr ungeeignet
– Für wichtige Abschnitte des Projektes gibt es bis heute keine Baugenehmigung
– Ohne Neubaustrecke ist der Kellerbahnhof sinnlos, die Züge müssten rückwärts wieder hinaus fahren
– Es gibt bis heute keine Vereinbarung mit den Stuttgarter Straßenbahnen über den notwendigen Umbau der U-Bahntunnel am Hauptbahnhof
– Der geologische Untergrund mit Gipskeuper rund um Stuttgart und auf der Schwäbischen Alb birgt unabsehbare Risiken. Schon heute gibt es deshalb teure Probleme mit dem neuen Autobahn-Tunnel bei Leonberg
– Die dünneren Tunnelwände, um die Kosten schönzurechnen, sind reine Fiktion und nicht genehmigt
– Für die Fahrt mit ICE-Zügen durch den Flughafen-S-Bahntunnel gibt es bis heute keine Genehmigung
– Schon heute ist die Bahn mit den Bauarbeiten in Verzug, das Projekt wird sich Jahrzehnte hinziehen
– Mit dem Geld könnte in ganz Deutschland der Öffentliche Verkehr verbessert werden, und es würden zehntausende neue Dauer-Arbeitsplätze entstehen, ganze Regionen wie Heilbronn-Franken würden von einem Ausbau des Nahverkehrs wirtschaftlich profitieren
Aus all diesen und vielen weiteren Gründen lehnt eine überwältigende Mehrheit der BürgerInnen in Baden-Württemberg und vielen Teilen Deutschlands das Milliardengrab Stuttgart 21 ab und fordert das sofortige Aus.
Michael Schwager
Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD)
Landesvorstand Baden-Württemberg