Die Traumtänzer in Stuttgart wachen langsam auf, jetzt hat auch DB-Chef Rüdiger Grube im Interview mit der Stuttgarter Zeitung ganz offiziell zugegeben, dass Stuttgart 21 teurer wird als die bislang kalkulierten 3,1 Milliarden Euro. Grube rechnet schon heute den Risikofonds von 1,4 Milliarden hinzu und kalkuliert nun 4,5 Milliarden. Konkret heißt das: Die Baukosten steigen kurz mal um fast 50 Prozent! Und jeder klar denkende Mensch weiß, am Ende wird wohl auch das nicht reichen…
Zugleich bestätigt Grube damit erneut die ganzen Lügen, mit denen seit Jahren die Bevölkerung für dumm verkauft wird. Ober-Propagandist Wolfgang Drexler reagiert gelassen: „Das ist nichts Neues…“
Der VCD fordert daher auch eine ehrliche Neuberechung der Kosten für die geplante Neubaustrecke Stuttgart-Ulm.

„Groß, teuer, kompliziert“, titeln die Stuttgarter Nachrichten, und die Fertigstellung des Bahn-Projektes verzögert sich um Jahre – die Rede ist nicht von Stuttgart 21, sondern ein viel profaner: Es geht um den Bau der S-Bahnlinie 60 von Renningen über Sindelfingen bis Böblingen, genauer um den zweigleisigen Ausbau einer bestehenden Schienenstrecke und die Einrichtung von ein parr Haltepunkten. 1998 wurde die S-Bahn beschlossen, die Kosten sind immer weiter gestiegen, vielleicht ist sie 2011 mal fertig – oder auch nicht…

Neuste Bürgerbefragungen in Stuttgart haben übrigens einen historischen Tiefstwert für die Zustimmung zum Projekt Stuttgart 21 ergeben. Ach es hilft alles nichts, kein Mister Stuttgart 21, kein Drexler, kein Grube, keine bunt beklebten Loks, keine noch so teuren Werbekampagnen…

Das erkennt langsam auch die SPD, der erste Ortsverband hat sich aus der Deckung gewagt, lehnt Stuttgart 21 ab und fordert Drexler auf, sein Werbeamt niederzulegen.

Auch die GRÜNEN wagen sich weiter aus der Deckung und warnen nun mit Verweis auf Proffessor Karl-Dieter Bodack die Bahn vor Harakiri bei der horrend teuren und fragwürdigen Neubaustrecke von Stuttgart nach Ulm.

2009-07_A6-Stau

2009-07_A6-Stau

Auf der A 6 kurz vor dem Weinsberger Kreuz am 30. Juli 2009, so wie alle Tage im Jahr…

Die Wirtschaftswoche berichtet auf mehreren Seiten über den neuen Bahnchef Grube, die Krise, seine fast unlösbaren Aufgaben und das Milliardengrab Stuttgart 21. Nach WiWo belegen geheime DB-Zahlen, dass der Börsengang schon aus finanziellen Gründen vom Tisch sei und bei Stuttgart 21 gigantische Mehrkosten lauern, die der DB die gesamte Bilanz versauen werden. Intern gibt die DB wohl auch zu, dass die Neubaustrecke Köln-Frankfurt eine riesige Fehlinvestition sei. So sieht wohl auch Grube, dass Stuttgart 21 zu Lasten des gesamten übrigen Schienennetzes gehen wird! Und: Laut WiWo wusste Grube bereits im Mai 2007, dass er Mehdorns Nachfolger werden sollte, Mehdorn selbst habe ihn ausgewählt, Merkel habe zugestimmt…

Man fragt sich erntshaft: Was für ein Schmierentheater spielen deutsche Politikern dem Bürger eigentlich vor?

Einen sehr lesenswerten Beitrag zur Zukunft der Bahn in Deutschland und den Irrsinn des ICE-Verkehrs hat auch Michael Cramer in der taz veröffentlicht.

Hier mal wieder ein kleines Update zu all den Ungereimheiten rund um Stuttgart 21. Es empfiehlt sich, bei den Online-Artikeln aus den Stuttgarter Medien auch die zahlreichen Leserkommentare nicht zu übersehen. Das Beste zuerst:

Die Stadt Stuttgart hat ein Bohrloch nach Probebohrungen zur Untersuchung der Grundwassersituation klammheimlich stillgelegt. Der Grund war ein unerwarteter Wasseraustritt am sogenannten Ameisenberg im Stuttgarter Osten, was für den geologischen Untergrund des geplanten Tunnelbahnhofes nichts Gutes ahnen lässt. Die Anwohner sind entsprechend besorgt wegen ihrer Wohnhäuser. Köln lässt grüßen! In Stuttgart hofft man, die Sache unter den Teppich kehren zu können, bevor es jemand merkt…

Der Abriss der Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofes für Stuttgart 21 widerspricht dem in der baden-württembergischen Landesverfassung in Artikel 3 verankerten Staatsziel des Denkmalschutzes und ist damit verfassungswidrig – zu diesem Ergebnis kommt der Diplomjurist Reinhard Mast.

Weiterhin streitet man sich derzeit über die Verlegung des Bus-Fernbahnhofes vor dem Hauptbahnhof, da an dieser Stelle gebuddelt werden soll und die Stadt einen Ersatz-Standort benötigt. Die 100.000 Euro aus der Stadtkasse für die geplanten Provisorien markieren nicht das Ende des finanziellen Aufwands…

Auch schön: Die Stuttgarter Nachrichten berichten darüber, dass die Bahn AG den Tunnelbau für die U-Bahn ausbremst. Für Stuttgart 21 müssen nämlich auch die Tunnel für U- und Stadtbahn verlegt und neu gebaut werden. Wann damit begonnen werden soll, weiß im Moment niemand so richtig. „Termine bekommen wir von der Bahn keine“, heißt es immer wieder. Und: Die Kosten für die neuen U-Bahn-Tunnel sind natürlich inzwischen deutlich gestiegen. Ursprünglich ging es um 71 Millionen Euro, jetzt sind es schon 106 Millionen…

Aus all dem schließt der Stuttgarter BUND in einer Pressemitteilung, dass die genannten 3,1 Milliarden Gesamtkosten niemals zu halten sein werden.

Kreiselkunst Erlenbach

Kreiselkunst Erlenbach

And now for something completely different: In meinem geliebten Heimatdorf wurde jüngst ein neuer Kreisverkehr angelegt, und damit das Innere dieses Kreisverkehrs nicht so trostlos wirkt und um sich von Nachbarorten abzugrenzen, die in Kreisverkehre ganz profan Weinreben pflanzen, hat sich der Führer der Gemeinde überlegt, mit ein bisschen Kunst das leere Innere des modernen Kreisels zu beleben. Auf einen entsprechenden Ideenwettbewerb hat sich angeblich nur ein ortsansässiger Architekt gemeldet, dessen glorreiche Ideen flux umgesetzt und in Metall gegossen wurden. 60.000 Euro hat das laut Heilbronner Stimme gekostet. Nun kann jeder Autofahrer am Ortsrand anschaulich sehen, was diesen besonderen Ort so lebenswert macht.

Vor dem Hintergrund der aktuellen PR-Affäre bei der Deutschen Bahn sollte man auch die ganze Propaganda um Stuttgart 21 einmal unter die Lupe nehmen. Hier werden wie beim Projekt Bahn-Privatisierung ebenso mit immensem finanziellen Aufwand viele Falschinformationen und Lügen verbreitet

Eine Artikel-Serie im Fachmagazin Bahn-Report beschäftigt sich ausführlich mit den merkwürdigen Geschehnissen rund um Stuttgart 21. Das beste: Um überhaupt Baufreiheit für den Tunnelbahnhof zu bekommen, muss das Gleisvorfeld hundert Meter weiter nördlich mehr oder weniger komplett mit neuen Zufahrten, Weichen und einem neuen elektronischen Stellwerk neu aufgebaut werden. Hier wird nun im Grunde das Konzept Kopfbahnhof 21 der Kritiker umgesetzt – allerdings nur als Provisorium auf zehn Jahre…

Stuttgart: Kopfbahnhof-21

Stuttgart: Kopfbahnhof-21

Wir erinnern uns: Das Kopfbahnhof 21-Konzept wurde stets schlecht gerechnet, es hieß sogar, der modernisierte Kopfbahnhof sei so teuer wie Stuttgart 21! Und nun soll dieser Kopfbahnhof 21 quasi als Provisorium entstehen – noch bevor überhaupt ein Quadratmeter Erde für den riesigen Tunnelbahnhof ausgehoben ist…

Die Beiträge im Bahn-Report stehen als pdf auf den Seiten von Kopfbahnhof 21 zum Download bereit:
Stuttgart 21: Mit Hochgeschwindigkeit an die Wand?, Teil 1-3

Ein Beispiel für dubiose Propaganda-Aktionen im Zusammenhang mit Stuttgart 21 findet sich als Kommentar zu diesem Beitrag.

Anlässlich der Ergebnisse der Kommunalwahlen in Baden-Württemberg hat der Umwelt- und Verbraucherverband Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD) eine aktuelle Pressemitteilung herausgegeben, in der ein Ende von Stuttgart 21 gefordert wird. Mit einem Festhalten am Milliardengrab Stuttgart 21 ignoriere die Politik den Bürgerwillen. Der geplante Tunnelbahnhof in Stuttgart sei ein Fass ohne Boden und gehe schon heute zu Lasten des gesamten Regionalverkehrs im Land.

Bahn-Skandale und kein Ende: Nachdem LobbyControl über die PR-Machenschaften der Deutschen Bahn berichtete, greifen zahlreiche Medien die neuste PR-Affäre auf. Die schmutzigen Tricks der Bahn schreibt etwa die taz. Ein Berliner „Thinktank“ verbreitete mit angeblich unabhängigen Umfragen und Texten Bahn-Propaganda in Zeitungen und Online-Foren. Es wurden unter anderem Leserbriefe fingiert, um gute Stimmung für die Bahnprivatisierung zu machen.

Weitere Köpfe rollen, so wurde auch der Generalbevollmächtigten für Marketing und Kommunikation Ralf Klein-Bölting entlassen. Die taz schreibt: Am Donnerstag hatte die Bahn AG zugegeben, 1,3 Millionen Euro für nicht als solche deklarierte Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben zu haben. (…) Zudem bezahlte der Konzern private Lobbyunternehmen, die etwa fragwürdige Meinungsumfragen veröffentlichten, nach denen eine Mehrheit der Bevölkerung den Lokführerstreik von 2007 ablehnte.

Die Welt spricht von einer geheimen Medienmaschine und berichtet ausführlich, wie ihre eigenen Online-Foren und Blogs heimlich unterwandert wurden.

Beobachter in Baden-Württemberg erinnert ein solches Vorgehen doch schwer an die Propaganda-Aktionen im Zusammenhang mit Stuttgart 21. Auch hier werden mit allen Mitteln und auf vielen Ebenen Falschinformationen und Lügen verbreitet. Gigantische Summen stehen für die PR-Arbeit zum Projekt zur Verfügung. Fragwürdige Gutachten berechnen immer wieder gigantisch positive Effekte des Milliardengrabes. Allein: Das dumme Volk weigert sich vehement, all die Märchen zu glauben…

Hier gibt es die ausführliche Studie von LobbyControl als pdf zum Download.

Der Tagesspiegel und die Frankfurter Rundschau berichten: Die Konkurrenten der Deutschen Bahn sehen sich im Wettbewerb mit dem Staatskonzern massiv benachteiligt. „Das Ergebnis von 15 Jahren Wettbewerb auf der Schiene ist enttäuschend“, sagte Wolfgang Meyer, Präsident des Anbieter-Verbandes Mofair, am Montag in Berlin. Er verlangte eine stärkere Öffnung des Marktes und eine intensivere Regulierung. Allein im Regionalverkehr gingen durch Ineffizienzen pro Jahr eine Milliarde Euro verloren, wie aus einem Gutachten zum Wettbewerb auf der Schiene hervorgeht, das Mofair und zwei weitere Verbände in Auftrag gegeben haben. „Wir verschenken riesige Potenziale“, sagte der Autor der Analyse, Michael Holzhey von der Beratungsfirma KCW.
Nebenbei bemerkt: Der Verkehrsverbund Berlin Brandenburg spart durch die Neuvergabe von Streckenlizenzen ab 2011 50 Millionen Euro pro Jahr. Die Einsparungen sollen für mehr Service und zusätzliche Züge eingesetzt werden. Weiterlesen…

Der neue Bahnchef Grube macht einen klaren Schnitt und bricht endgültig mit der Ära Mehdorn. „Ein Schreckensregime, wie man mit Fug und Recht feststellen kann.“ schreibt Thomas Wüpper in der Frankfurter Rundschau.
Gleich vier Vorstände verlassen das Unternehmen noch in diesem Monat – Margret Suckale, Norbert Bensel, Norbert Hansen und Otto Wiesheu, so berichten die Nachrichten-Agenturen. Die DB trennt sich außerdem vom Leiter der Konzernrevision Josef Bähr, dem Sicherheitschef Jens Puls sowie dem Antikorruptionsbeauftragten Wolfgang Schaupensteiner. Das teilte der Konzern am Mittwoch nach einer Aufsichtsratssitzung in Berlin mit. Die Frankfurter Rundschau schreibt: „Wegen des Schnüffelskandals müssen mehr als 30 Manager mit Konsequenzen rechnen.“
Damit scheint es erst mal getan, nach der Verantwortung des Aufsichtsrates und dessen Vorsitzendem Werner Müller bei der ganzen Affäre fragt niemand mehr, obwohl die beiden Sonderermittler auch dem Aufsichtsrat Versagen vorwerfen. Müller hatte sich rechtzeitig auf die Seite der Empörten geschlagen, spricht aber laut SPIEGEL im Zusammenhang mit der Datenaffäre von „unerfreulichen Vorkommnissen“.
Selbstverständlich bekommen die Geschassten, denen man angeblich kein Fehlverhalten nachweisen kann, Abfindungen in Millionenhöhe, sie haben sich ja um unser aller Bahn verdient gemacht!

Und es wird immer doller: Angeblich hat auch die Gewerkschaft Transnet die Bespitzelungsaktionen des DB-Konzerns genutzt, um ein wenig mehr über ihre eigenen Mitglieder zu erfahren! Die taz schreibt zu recht: Transnet hat seine Mitglieder verraten!

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